Sinn im Vollzug: Gelebte Werte als Quelle von Lebenssinn

In ihrem Buch Psychologie des Lebenssinns definiert die Sinnforscherin Tatjana Schnell Sinnerfüllung folgendermaßen: ‚Sinnerfüllung ist die grundlegende Erfahrung von Sinnhaftigkeit. Sie basiert auf einer (meist unbewussten) Bewertung des eigenen Lebens als kohärent, bedeutsam, orientiert und zugehörig‘ Schnell 2016:7).

  • Kohärenz heißt in diesem Zusammenhang die Empfindung von Stimmigkeit, das Gefühl, dass die verschiedenen Lebensbereiche im eigenen Leben sich ergänzen und stärken, und dass diese im Einklang mit den persönlichen Lebenszielen und Werten sind.
  • Bedeutsamkeit entsteht durch die wahrgenommene Wirksamkeit des eigenen Handelns, wie es auch in Konzept der Selbstwirksamkeit beschrieben wird.
  • Orientierung heißt hier, dass der eigene Lebensweg eine gewisse inhaltliche Ausrichtung hat. Unsere Sinnorientierung ist wie ein Kompass, der uns die richtigen Wege unseres Lebens zeigt, auch in unübersichtlichen Situationen und Phasen.
  • Zugehörigkeit: Der Mensch ist ein soziales Wesen, das zu einem größeren Ganzen gehören möchte. Die Erfahrung von Zugehörigkeit kann zum Beispiel in der Verbundenheit zur Familie, zu Kollegen, zu einer Religion oder einer bestimmten sozialen Gruppe bestehen. ‚Die Integration in einen größeren, übergeordneten Kontext geht mit Gefühlen der Verantwortung und des Gebrauchtwerdens einher und wirkt somit Isolation, Entfremdung und Sinnlosigkeit entgegen‘ (Schnell 2016:8).

Im Gegensatz zum Glück geht es bei der Sinnerfüllung laut Tatjana Schnell weniger um das aktuelle Wohlbefinden, sondern vielmehr um das persönlich Richtige und Wertvolle. Dafür einzustehen, sei zwar nicht immer einfach und angenehm, aber gesundheitlich nachhaltiger, zum Beispiel indem man Ressourcen wie persönliche Stärken oder tragende Beziehungen entwickelt.

Schnell zieht dabei eine Parallele zum eudämonischen Glückskonzept nach Aristoteles, in dem es darum geht, richtig zu leben und zu handeln, nicht nur für sich, sondern auch für die Gemeinschaft. Gut zu leben heißt dabei auch, Potenziale, Talente und Stärken zu entwickeln.

Anfang aller individuellen Sinnorientierung ist die Frage, was einem persönlich wichtig ist im Leben. Tatjana Schnell hat dazu den sogenannten LeBe Fragebogen entwickelt. Damit können die Lebensbedeutungen erfasst werden, die Menschen als sinngebend, handlungsleitend und entscheidungsprägend erfahren und in einem besonderen positiven Zusammenhang mit erlebter Sinnerfüllung stehen. Beispiele solcher Lebensbedeutungen sind Generativität, Fürsorge, Religiosität, Entwicklung, soziales Engagement, bewusstes Erleben, Naturverbundenheit, Kreativität und Gemeinschaft (Schnell 2016:54). Die einzelnen Lebensbedeutungen können wiederum folgenden Sinndimensionen zugeordnet werden:

Selbsttranzendenz: Verantwortungsübernahme für etwas, das nicht unmittelbar der eigenen Bedürfnisbefriedigung dient; wobei vertikale Selbsttranzendenz die Ausrichtung an einer jenseitigen Wirklichkeit und horizontale Selbsttranzendenz Engagement für irdische Belange jenseits des Eigeninteresses bedeutet

Selbstverwirklichung: Selbstbestimmung und Selbstoptimierung

Ordnung: Konservativ-bewahrende Wertorientierung und Pragmatismus

Wir- und Wohlgefühl: Erhalt und Förderung des eigenen und gemeinschaftlichen Wohlbefindens.

Wirkliche Sinnorientierung geht dabei über bloße abstrakte Werte hinaus. Lebensbedeutungen sind laut Schnell ‚Sinn-im-Vollzug‘ und entstehen erst, wenn Werte auch real gelebt werden.

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