Ob wir uns in unserem oft geschäftigen Leben auch Zeiten der Erholung und Muße erlauben, ist letztendlich auch von persönlichen Wertvorstellungen abhängig. Diese werden heute weniger als früher von außen vorgegeben. Menschen sind also stärker gefragt, sich auf ihre eigenen Werte zu besinnen, auch in Bezug auf ihre Gesundheit. Wie eine gesundheitsfördernde, nachhaltige Selbstpositionierung im Spannungsfeld zwischen privaten & beruflichen Anforderungen gelingen kann, ist ein wichtiges Thema in meinen Coachings und Seminaren.
Stress und Unbehagen entstehen, wenn es eine Diskrepanz zwischen unterschiedlichen Wertvorstellungen gibt. Wir alle sind manchmal zwischen den eigenen Werten und Bedürfnissen und denen unseres privaten oder beruflichen Umfelds hin und her gerissen. In diesem Spannungsfeld ist es wichtig, eigene ‚gesunde Werte‘ zu formulieren und diese klar nach außen hin zu kommunizieren.

Für die Überwindung äußerer oder auch innerer Wertekonflikte bezüglich der scheinbaren Gegenpole Ruhe und Aktivität ist der Begriff der Muße manchmal hilfreich. Auf der Homepage des Sonderforschungsbereichs Muße des Universitätsklinikums Freiburg heißt es: ‚Muße überschreitet auf spannungsreiche Art und Weise Gegensätze wie Arbeit und Freizeit, Beschleunigung und Entschleunigung, Tätigkeit und Untätigkeit. Die für Muße charakteristischen Freiheitserfahrungen bleiben deshalb nicht isoliert und auf die Zeiten der Muße beschränkt, sondern können auf den Alltag zurückwirken – durch die Eröffnung eines Raums zur kritischen Reflexion, durch die Einübung neuer Erfahrungsweisen ..(…).‘
Ich selbst versuche in meinem Privat- und Berufsleben auf kreative Weise das jüdische Sabbathsprinzip anzuwenden. Ich verstehe dieses Prinzip so, dass es mal OK sein kann, die eigenen Grenzen zeitweise etwas zu strapazieren, weil eine wichtige private oder berufliche Phase oder Aufgabe dies verlangt. Die persönliche Resilienz und eine nachhaltige Lebensführung verlangen aber auch regelmäßige Ruhe und Muße, um persönliche und wirtschaftliche Ressourcen (zum Beispiel die eigene Gesundheit oder die berufliche Existenz, als moderne Form des biblischen Ackers) langfristig zu schonen.

Gerade wenn wir uns ausruhen und ’nichts‘ tun, zum Beispiel am Wochenende oder im Urlaub, machen sich allerdings leicht Gefühle wie Rastlosigkeit und innere Unruhe breit. Über solche anscheinend erstmal negativen Emotionen sollte man sich nicht ärgern, sondern sie erstmal versuchen anzunehmen. In der buddhistischen Tradition zum Beispiel werden die Empfindungen des Körpers und des Geistes als Hilfen zur Selbsterkenntnis betrachtet, möglichst auch mit etwas Humor und Selbstempathie.
Ein sinnvoller, sinnstiftender Umgang mit der Emotion ‚innere Unruhe‘ im Urlaub wäre, sich zu fragen, woher diese kommt. Diese Frage könnte uns anregen, unser eigenes privat-berufliches Wertesystem zu reflektieren. Und sich dabei zu sagen: ich muss jetzt nicht faulenzen und mich erholen, sondern ich darf es. Denn wenn ich das Imperativ weg lasse und mir stattdessen Erholung und Muße erlaube, stellen sich diese leichter ein und bekommen eine stärkere regenerative Wirkung. Dabei sollte man sich immer wieder vergegenwärtigen, dass kleinere und größere Ruhephasen eben keineswegs unproduktiv sind, sondern eine Voraussetzung um langfristig gesund leben und arbeiten zu können.
Letztendlich geht es beim Thema ‚gesunde Werte‘ auch um die Frage nach dem Sinn, nämlich: was macht mein Leben wirklich wertvoll, jenseits der Zwänge die ich mir selbst auferlege oder auferlegen lasse? Diese Frage kann zu einem inspirierenden, anregenden Austausch führen, vielleicht auch mit dem Partner oder mit guten Freunden bei einem Glas Tequila am Strand beim Sonnenuntergang.